In Deutschlands größtem Anbaugebiet mangelt es nicht an Trauben, aus denen unter anderem entalkoholisierter Wein entsteht. Das Trio hinter der jungen Marke Kein Wein entschied sich jedoch, für ihr alkoholfreies Produkt andere Wege zu gehen. Die prägende Zutat dafür stammt ebenfalls aus den rheinhessischen Rebzeilen – nämlich Weinlaub.
Alkoholfreie Alternativen gibt es inzwischen reichlich. Da wäre zum einen entalkoholisierter Wein. Zum anderen gibt es etliche Proxies am Markt, die mit unterschiedlichen Zutaten Weingeschmack gewissermaßen nachbauen sollen. Für die drei Köpfe hinter Kein Wein, Wolfgang Schäfer, Hans Peter Höhnen und Michael Gutzler, kamen beide Optionen nicht in Betracht, um ein neues Produkt ohne Alkohol auf den Markt zu bringen. „Wir wollten eine Alternative zu alkoholfreiem Wein von der Rebe“, erläutert Gutzler, der das gleichnamige VDP-Weingut in Gundheim im südlichen Rheinhessen betreibt.
Zu Höhnen und Schäfer pflegt die Familie Gutzler schon länger Kontakt. Schäfer lernte dort wie man destilliert. Außerdem betreute er einige Weinbauprojekte in den Tropen, wie das Weingut Khao Yai PB Valley in Thailand. Dort war Höhnen als Betriebsleiter im Einsatz. Aus dieser Zeit stammen erste Erfahrungen, unbehandeltes Weinlaub zu Kalt- und Heiß-Getränken zu verarbeiten.
Über Jahre tüftelte das Trio daran, den Herstellungsprozess zu optimieren.
Schon 2017 stellten sie auf der damaligen ProWein einen Prototyp namens Grape Leaf Soda vor. Seit Herbst 2025 gibt es nun ein marktreifes Produkt, basierend auf 2025er Weinblättern. Dafür sammelten sie rund 4.500 kg junge, unbehandeltes Weinlaub rund um die Rebblüte. Die Blätter bezogen sie aus einer größeren zusammenhängenden Piwi-Anlage im Wonnegau.
Warum Piwi? Basierend auf der Verkostung von jungem Weinlaub von hunderten Rebsorten weltweit durch Höhnen und Schäfer stellte sich heraus, dass klassische Rebsorten deutlich weniger passende Aromakomponenten besitzen als viele Zukunftssorten. Außerdem besitzen junge Weinblätter alle Inhaltsstoffe, die auch später in der Traube zu finden sind:
Wein- und Apfelsäure, geringe Mengen Zucker, Mineralien, Polyphenole und ganz besonders sortentypische Aromakomponenten und deren Vorstufen.
Bei Kein Wein mazerieren die Blätter in entmineralisiertem Wasser. Dadurch, dass die Blätter in geringfügigem Maße Zucker einlagern, der dann wiederum vergärt, ist das fertige Produkt mit weniger als 0,5% vol nicht gänzlich frei von Alkohol. Rechtlich ist die Bezeichnung alkoholfrei ähnlich wie bei Fruchtsäften jedoch zulässig, sodass die Angabe „Erfrischungsgetränk aus fermentierter Weinlaub-Infusion alkoholfrei (<0,5% vol)“ auf dem Etikett steht.
Nachdem die Blätter eingelegt wurden, wird die Infusion abgepresst. Anschließend wird sie erhitzt und mikrobiologisch stabil in Tanks eingelagert. Für die Weiterverarbeitung kommt dann etwas Traubensaft hinzu.
WEIN+MARKT findet bei Kein Wein Rosen-, Akazien- und Rhabarberduft wieder, begleitet
von einem Hauch Pfeffer. Am Gaumen zeigt sich das Produkt in der Redaktionsverkostung saftig-frisch mit zartem Tannin und erinnert etwas an französische
Rosenpastillen – ungewöhnlich, aber charmant, so unser Fazit. Von der 2025er Blatternte füllte das Trio bisher im Mai 2025 rund 1.800 Flaschen als Probefüllung ab. Die komplette Abfüllung der 2025er Produktion ist Anfang Dezember 2025 geplant. Dass der Produktionszyklus einige Monate versetzt zur Traubenlese stattfindet, bietet auch einen weiteren Vorteil für das Weingut: Die Anlagen sind über das ganze Jahr besser ausgelastet.
SIMON WERNER
Ausgabe: WEIN+MARKT 12|2025

